Parodieren geht über Studieren

Eine Übung im Bereich der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft
an der Universität Augsburg
unter Leitung von Dr. Friedmann Harzer

Sonett: Parodie

[...] Salve, Maestro von Platen! Sie Beneidenswerter! Sie haben Italien nicht nur die kreuz und die quer bereist, sondern auch so gut wie alle größeren Städte dieses gesegneten Landes besungen: Neapel, Rom, Florenz und, natürlich, Venedig. Ihre Venedig Sonette ich sage Ihnen da nichts Neues einfach klassisch:
Wenn tiefe Schwermut meine Seele wieget,
Mag's um die Buden am Rialto flittern:
Um nicht den Geist im Tande zu zersplittern,
Such' ich die Stille, die den Tag besieget.
Elfsilbige Zeilen, fünffüßige Jamben, der Aufgesang der beiden vierzeiligen Quartette mit nur zwei Reimen in umschlingender Stellung a-b-b-a a-b-b-a - klassische Sonettform:
Dann blick ich oft, an Brücken angeschmieget,
In öde Wellen die nur leise zittern,
Wo über Mauern, welche halb verwittern,
Ein wilder Lorbeerbusch die Zweige bieget.
wobei Sie, vermute ich, mit "Mauern welche halb verwittern", nicht etwa Mauern meinen, welche lediglich zur Hälfte verwittern, sondern Mauern, die bereits halb verwittert sind. Aber lassen wir derlei Bagatellen, weiter im Text, noch fehlen ja die beiden Terzette, die sich klassisch auch sie, gleichfalls auf zwei Reime c-d-c d-c-d:
Und wenn ich, stehend auf versteinten Pfählen,
Den Blick hinaus in's dunkle Meer verliere,
Dem fürder keine Dogen sich vermählen:
Dann stört mich kaum im schweigenden Reviere,
Herschallend aus entlegenen Kanälen,
Von Zeit zu Zeit ein Ruf der Gondoliere.
Ja, Herr von Platen, Gondoliere Und Ihre Gondoliere lassen sich, im Gegensatz zu den Mauern, welche halb verwittern, nicht überlesen Dieses über die volle Distanz durchgehaltene Hohe Sprechen und dann - bumsti ausgerechnet am Schluß diese, reim dich oder ich freß dich, an humorige Techniken Wilhelm Buschs gemahnende gewaltsame Eindeutschung eines Fremdworts ... Wo es doch gerade auf iere reichlich Reimwörter gibt, deutsche wie fremde: Schmiere, Tiere, Biere, Wesire, Papiere, Vampire, Scharniere, Klaviere, Menhire alle nicht so furchtbar venezianisch, zugegeben, doch da gibt's ja auch noch all jene Berufsbezeichnungen, die die deutsche Zunge sich bereits zu eigen gemacht hat, Barbiere, Musketiere, Pioniere, Kanoniere -
"Von Zeit zu Zeit ein Schuß der Kanoniere"? Nein? Einverstanden! Aber das wird Sie begeistern: Kavaliere! Die gehören doch zur Serenissima wie die Schwermut zum Dichter:
Dann stört mich kaum im schweigenden Reviere ...
Der Gondelruf bezechter Kavaliere.
Ja, Gondelruf. Die Kavaliere rufen nach einer Gondel: Hallo, Gondel! Warum? Ich dachte, Sie würden die Gondel gern noch mit drin haben: Venedig Gondel - vino nein? Dann nicht, dann nicht! Dann eben "Gondellied", oder "Nachtgesang" oder "Abschiedsgruß" oder "Ritornell" oder wie sonst diese venezianischen Lieder heißen. Und natürlich müssen die Kavaliere nicht "bezecht" sein, denkbar ist auch jeder andere zweisilbige Zustand aber das muß ich Ihnen als Mann des Wortes ja nicht weiter ausmalen. Nichts zu danken, gern geschehn! Der Zweite bitte! [...]
vgl. dazu: Robert Gernhardt: Gedanken zum Gedicht: Zürich 1990, S. 60-93

Aufgabe

Schreiben Sie exakt in der Form des Sonetts von Platen ein Augsburg-Sonett und parodieren Sie dabei den hohen Ton! Versuchen Sie auch, ein Fremdwort in einem Endreim zu verhunzen!

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