Parodieren geht über Studieren

Eine Übung im Bereich der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft
an der Universität Augsburg
unter Leitung von Dr. Friedmann Harzer

Ein paar Bemerkungen zu Parodie und Travestie

Als Kurt Tucholsky 1914 die Parodie-Anthologie eines damals sehr bekannten Literarhistorikers zu rezensieren hatte, begann er seine Arbeit gleich mit einem Stoßseufzer: "Richard M Punkt Meyer hat (im Verlag Müller & Rentsch) eine Büchelchen herausgegeben: 'Deutsche Parodien'. O wären es doch welche!" Spätere Leser späterer Anthologien können durchaus ähnliche Erfahrungen machen, zumal wenn sie sich dann auch noch hilfesuchend an die dafür ja eigentlich zuständige germanistische Zunft wenden.
Offensichtlich ist es gar nicht so einfach, die Parodie von ähnlichen Schreibweisen zu unterscheiden, mag sie auch im Universum der Texte nach landläufiger Meinung nur einen niederen Rang einnehmen. Zumindest ein Grund für die Schwierigkeiten, die wir noch immer mit ihr haben, dürfte in einer heute zwar abgeschwächten, aber immer noch wirksamen Tradition liegen, die sich auf eine doppelte Bedeutung des Ausdruckes "Parodie" - im Sinne von "Nebengesang" und "Gegengesang" - berufen kann. Und so ist dann mit "Parodie" die ernsthafte Nachahmung ebenso bezeichnet worden wie die mit Komik arbeitende Herabsetzung einer Vorlage. Mehr noch: Ausdrücke wie "Parodie", "Travestie" und "Kontrafaktur" erscheinen häufig als wechselseitig austauschbar.
Da nun aber viele Leser gern wissen möchten, worüber sie lachen, wenn sie lachen, wollen wir hier kurz darlegen, nach welchen Kriterien wir die Texte in unserer kleinen virtuellen Anthologie ausgewählt haben - wobei wir von dem besonderen Problem des Urheberrechtes hier einmal absehen.
Beginnen wir also mit dem, was Parodie und Travestie ganz gewiß nicht sind. Sie sind selbst keine Gattungen - auch wenn das immer wieder behauptet wird -; sie kommen vielmehr in den verschiedensten literarischen und nicht-literarischen Gattungen vor: in Gedichten, Dramen, Essays, Reden und Romanen, wissenschaftlichen Abhandlungen, Werbetexten u.s.w. Zudem ist ihr Vorkommen nicht einmal auf das sprachliche Medium beschränkt, wie ein Blick auf den Film, die bildende Kunst, die Reklame und die Musik schnell zeigen kann.
Weiterhin sind Parodien und Travestien gewiß keine Agenten des 'Weltgeistes' oder verwandter Institutionen, die stets progressiv 'reaktionäre' Autoren und Texte der Lächerlichkeit preisgeben. Gegen solche - schlechten - Mythen aus dem Geist von 1968 sollte man an der Trivialität festhalten, daß beide Verfahren, Parodie und Travestie, gegenüber diesen Bestimmungen völlig neutral sind; weder stets innovativ noch stets progressiv, werden sie von Autoren verwendet mit all ihren widerstreitenden Interessen, Motiven und Abneigungen.
Was aber sind nun Parodien und Travestien? Zunächst einmal sind es spezifische, häufig auf sehr einfachen Änderungsoperationen beruhende komische Verarbeitungen einer Vorlage, wobei als Vorlage ein einzelner Text oder eine ganze Gruppe von Texten verwendet werden können. Und in dieser Herabsetzung der Vorlage erschöpfen sie sich auch schon. Wir finden also weder bei der Parodie noch bei der Travestie so etwas wie eine eigene Botschaft.
Dennoch wird ein aufmerksamer Leser auch Unterschiede zwischen den beiden Verfahren erkennen. In der "entsetzlichen Mordgeschichte von dem jungen Werther" bezieht sich Heinrich Gottfried Bretschneider zwar thematisch auf Goethes Erfolgsroman, dessen Geschichte er noch einmal mit überraschend vielen übernommenen Details erzählt. Doch tritt hier an die Stelle der intimste Empfindungen publizierenden Briefform die holzschnittartige Perspektive des Bänkelsangs, die nun auch Werthers Leiden zur ironisch vorgetragenen (Selbst-) Mordgeschichte degradiert. Bei der Travestie - und um eine solche handelt es sich in diesem Fall - wird also nur das Thema der Vorlage übernommen und in komischer Weise herabgesetzt, während die jeweilige Form unabhängig von ihr gewählt wird.
Demgegenüber komisiert beispielsweise Ludwig Eichrodt nicht nur die für Annette von Droste-Hülshoff so typische Thematik, sondern auch die Art und Weise, wie diese Thematik ihren sprachlichen Ausdruck findet. Freilich lassen sich dabei unterschiedliche Gewichtungen feststellen. Einerseits herrscht die Übertreibung gewisser Züge der Vorlage vor. Ein besonders prägnantes Beispiel dafür ist Ludwig Thomas "Ludig I. Eine Märzerinnerung", bei dem der "üble Partizipialstil" des Dichterkönigs gehäuft auftritt oder, wie wir sagen wollen, von dem Parodisten übererfüllt wird. In der Literatur spricht man daher oft auch von der Stilparodie.
Andererseits finden wir in August Wilhelm Schlegels Schiller-Parodie eine Vielzahl thematischer Ersetzungen, die den Anspruch des Originals durch ihre Drastik unterlaufen oder, wie man auch sagen kann, untererfüllen. Daß beide Möglichkeiten in der Praxis zumeist gemischt auftreten und lediglich die eine oder die andere dominiert, brauchen wir wohl nicht ausdrücklich zu betonen. Auch in Ludwig Thomas Parodie gibt es ja die thematische Untererfüllung, da mit dem königlichen Partizipalstil zugleich die Liaison dangereuse zwischen dem Monarchen und Lola Montez, der "spanischen Fliege", dargestellt wird.
Im Übrigen wünschen wir viel Vergnügen mit unserer virtuellen Anthologie, die durchaus auch als Beitrag gegen den Tiefsinn im Netz gedacht ist.